Für eine Handvoll "Green Dollar" - StreetCast.FM Interview

StreetCast.FM - Podcast #051 vom 23.1.2017 – "Für eine Handvoll Green Dollar". Im Interview mit Thomas Leuthard und Jens Krauer spricht Thomas Füngerlings (v.l.n.r.) über seine Idee, wie er "Green Dollar" in der Fotografie umsetzen möchte.



Thomas Füngerlings: Was macht man, wenn man etwas kaufen will oder einen Handwerker beauftragen möchte? Dann fragt man Bekannte, Nachbarn usw. und man schaut ins Netz. Wie stellt der sich dar, oder was zeigt der da? Ist der denn so, wie man sagt? Man weiß ja, gerade bei Kaufentscheidungen ist Kommunikation, oder wie man sich darstellt, ziemlich wichtig. Und wenn dann die Webseite grauenvoll aussieht, geht das gar nicht.

 

Mein Ansatz beginnt damit, dass ich im Netz recherchiere und mir Webseiten und Facebook-Auftritte von z.B. Handwerkern anschaue. Meist sehe ich nichtssagende oder gefällige Bilder. So findet man schnell einen guten Grund, mit jemanden ins Gespräch zu kommen, der vielleicht auch dran denkt, aber es bisher nicht umsetzt. Ich gehe dann zu ihnen und sage, ich kann dir das so gestalten, dass der Nutzen, den du stiftest, für andere transparenter wird. Nehmen wir z.B. einen Maler, ihm erzähle ihm von meinen Eindrücken von seiner Website. Es ist alles ganz nett, aber deine Bilder sind nicht besonders treffend. Dann sagt der, ja stimmt, aber ich kann mir keinen teuren Fotografen leisten. 

 

Ich überzeuge ihn, dass gute Fotos seines Tuns nützlich und wertvoll für ihn sind. Dann biete ich ihm an, Bilder von den Mitarbeitern, vom Büro oder der Baustelle zu machen. Im Gegenzug frage ich, was kannst du mir dafür geben? Als Überraschung biete ich ihm etwas, was ihm bestimmt leichter fällt, als mich zu bezahlen. Ja, so könnte ich mir vorstellen, dass ich meine Küche von ihm streichen lasse.

 

Meine Grundidee geht in die Richtung „Green Dollar“. Das kommt aus Neuseeland. Die haben den Begriff LETS, local exchange and trading system, das bedeutet, dass die sich selber helfen und der Nutzen in der Community bleibt. Der eine kann gut Kartoffeln anbauen und der andere ist dafür ein guter Klempner und dann tauschen die sich aus.

 

Und diese Idee „Green Dollar“ finde ich irgendwie überzeugend, weil es mir auch eine willkommene Wertschätzung gibt, also wie eine Art Gegengeschäft, nicht Geldwert aber trotzdem wertvoll für beide Seiten. Und das find ich interessant.

Das Gegengeschäft ist wertvoll für beide Seiten.

Wenn sich irgendwie die Gelegenheit ergibt, dann spreche ich einfach jemanden an. Ich muss ja nicht diesen einen Maler nehmen, der dann die Idee nicht gut findet oder der lieber monetär bezahlt werden will oder muss, da nehme ich vielleicht den anderen. Ich kann den Partner aussuchen, mit dem das realisiert wird und das finde ich spannend. Die Idee klingt plausibel und es ist einfach zu verstehen. Und ich glaube, ich kann denjenigen dann auch ganz gut überzeugen, dass das für den von Nutzen ist. Das ist dann auch für ihn ein ganz anderer Ansatz.

 

Thomas Leuthard: Das Spannende ist ja, du bekommst von ihm dann eine Gegenleistung in dem wo er gut ist, wo er dir was anbieten kann und zu einem Preis für ihn, der viel günstiger ist.

 

Thomas Füngerlings: Das ist dann auch schön für mich, weil ich weiß ja, worauf ich mich einlasse und ich möchte ja was Bestimmtes haben und kann dementsprechend auch besser argumentieren. Wenn ich dem sage: Guck mal, hier dein tolles Regal, was der speziell für eine Schräge angefertigt hat. Das möchte ich auch so haben. Okay, dann sagt er mir, was ich ihm Gutes bieten kann, damit das wieder pari wird.

 

Thomas Leuthard: Ja natürlich, das ist schon sehr gut. Es gibt einen Bedarf von deiner Seite. Du suchst dir jemanden aus, der diesen Bedarf decken kann, machst ihm Bilder. Ich denke, dass ist für jeden von uns Hobbyfotografen ein interessantes Nebengeschäft, sag ich mal, dass man da sich in seinem Bekanntenkreis oder in der näheren Umgebung jemand sucht, der vielleicht nicht so gute Bilder hat, wo man dem Abhilfe leisten kann und dafür was bekommt, was er dir anbieten kann, was du gebrauchen kannst. Der würde nicht zum Profi-Fotografen gehen, dem fällt das wahrscheinlich gar nicht auf, dass er bessere Bilder haben könnte und bekommt die zu einem Preis, der auch sehr konkurrenzfähig für ihn ist. So gesehen ist das schon sehr spannend, der Ansatz.

 

Thomas Füngerlings: Ich kenne das aus Neuseeland. Dort hat es sich Anfang der 90iger Jahre entwickelt, dieses LETS Local Exchange and Trading System, vulgo Green Dollar. Da wird im kommunalen Garten einer beauftragt, der den grünen Daumen hat und die anderen bekommen den Zaun gestrichen oder ihm wird das Dach neu gedeckt. Und so tauscht man sich da gegenseitig aus und der Nutzen bleibt im Dorf. Viele Leute haben wenig Geld, weil die z.B. nur eine kleine Rente kriegen, aber sie können trotzdem Nützliches leisten. Und so hat jeder einen Nutzen davon. Und das find ich auch einen sehr interessanten Ansatz, dass man sich selber hilft.

 

Jens Krauer: Das Prinzip ist auch schön, weil es alle Altersgruppen einschließt. Auch der Rentner kann seine Dienste anbieten. Das findet alles persönlich zwischen den Menschen statt und ist nicht institutionalisiert. Ich komm zu dir, weil ich weiß, du kannst etwas, oder ich geh zu jemanden persönlich hin und frag dann: könnten wir uns da einigen?

 

Thomas Füngerlings: Es spielt sich halt ein. Ich möchte einfach was Sinnvolles tun und dafür auch eine Wertschätzung und eine Gegenleistung bekommen und das ist nicht immer Geld. Interessant ist auch, dass man sich immer wieder neue Gedanken macht und sich drauf einstellt, wie der Partner das dann haben möchte. Denn es ist schon ein bisschen anspruchsvoller, Leute bei der Arbeit ablichten und die gewünschte Tonalität zu treffen.

 

Thomas Leuthard: Natürlich ist das mit sehr viel Kommunikation verbunden und auch Verhandlungssache.

Viel Kommunikation und Verhandlungssache.

Thomas Füngerlings: Jeder, der einen Auftrag bekommen möchte, muss aktiv werden. So auch bei uns Fotografen. Ich werde mir eher Handwerker aussuchen, wo ich mit den Inhabern persönlich kommunizieren kann. Bei denen sehe ich einen echten Bedarf, die tun sich mit Werbung sowieso schwer. Sie haben auch Probleme Auszubildende zu bekommen, weil sie vielleicht nicht gut genug darstellen, wie toll sie doch eigentlich sind. Wenn man mal mit jemanden redet, sagt der: ja ich kann dies und das ganz gut, aber das wirklich tollste, was der anbietet, kommt ganz beiläufig rüber. Da denkt man, Mensch, du bist der Beste, der Stuckarbeiten machen kann, aber erwähnt es kaum, weil es für ihn selbstverständlich ist. Und wenn man dann mit den Leuten redet und sagt: Mensch, das ist doch dein Trumpf, dann probiert man das vielleicht in einem Bild umzupacken, oder vielleicht ein kleines Video, wo man ihn mal vorstellt und sagt: guck mal hier, das kann ich ganz besonders toll. Ich muss nur etwas vorausschauend handeln und dann mit Leuten reden und sozusagen antizipieren, wie die ticken, was genau für diejenigen von Nutzen ist.

 

Ich hab jetzt eine Webseite aufgestellt, die heißt bewegende-menschen.de. Da zeige ich, was ich so mache, damit andere sehen, wie es funktioniert. Zuerst stelle ich die Firma kurz vor, es folgt die Zielsetzung und am Ende zeige ich eine Auswahl der umgesetzten Bilder. Das Ziel ist auch über diese Webseite andere Menschen zu bewegen, mit mir zusammen zu arbeiten.

 

Jens Krauer: Ich find es sehr inspirierend. Das finde ich eine sehr gute Geschichte. Und je länger man das macht, desto mehr spricht sich das auch rum und das könnte zum Selbstläufer werden. Also vielleicht kehrt sich das ja auch um. Wenn die Leute das wissen, dass sie zu dir kommen und sagen, guck ich brauch Bilder, ich könnt dir XY dafür anbieten.

 

Thomas Füngerlings: Die Zeiten werden ja nicht einfacher, gerade dann sind die Menschen wieder mehr in sich gerichtet und suchen den Zusammenhalt. Ich bin mir sicher, dass die Leute wieder zur Selbsthilfe kommen und sich gegenseitig unterstützen. Gerade der lokale Handel tut sich ja total schwer gegen das Online-Geschäft. So können sie sagen, lass uns mal selber was organisieren und müssen dann nicht unbedingt in Geld bezahlt werden. So ein Netzwerk wäre die Fortführung des Gedankens.

 

Jens Krauer: Also Thomas, da bin ich schon auch bei dir. Also längerfristig, glaube ich, wird dieser Lokalbezug, dass man auch wieder um die Ecke einkaufen geht und nicht unbedingt alles im Internet bestellt, dass das Persönliche ein bisschen zurück kommt, das wird sicher wieder eine größere Rolle spielen. Da bin ich komplett bei dir, von der Idee her.

 

Thomas Leuthard: Ja, das ist eine Art „back to the roots“, wo man noch Tauschhandel hatte, wo man auch das gegeben hat, was man konnte und das bekommen hat vom anderen, was er konnte. Ich denke, dass es trotz der Globalisierung und dem starken Onlinehandel, sehr wichtig ist, dass man im Kleinen oder im geographisch Kleinen zusammenhält. Wenn der Bäcker um die Ecke nicht mehr da ist, dann trifft mich das viel mehr, als wenn eine große Kette den Laden schließt. Das ist schon eher so, dass man die lokalen Geschäfte mehr unterstützen sollte.

 

Ich bin sehr gespannt, wie das weitergeht. Ich werde die Augen offen halten, ob ich irgendwo einen potentiellen Kunden sehe. Im schlimmsten Fall halt nicht gegen Green Dollar, weil der vielleicht nicht grad liefern kann, was ich im Moment grade brauche. Aber es ist sicher ein guter Approach, mal zu schauen, wo Bedarf an guten Bildern ist. Wenn ich das machen kann und machen möchte, dann muss ich halt mal anfragen und mit den Leuten sprechen.