weekly#53 AndersARTige Selfies - Workshop mit Kay von Aspern im Kunst Haus Wien

Am letzten Sonntag fand im Kunst Haus Wien (Museum Hundertwasser) ein Workshop mit dem Fotografen Kay von Aspern statt. Das Thema war „Selbstporträt im urbanen Raum“. Selfie-Kunst? Das klingt anspruchsvoll. Ich war erst skeptisch, ist das was für mich? Aber dann tauchte ich tiefer in die Sache. So wie in dem Teaser-Bild (Modell: Betty Fischer) empfinde ich Selfies generell als störend interessant. Ich bin gespalten ob der Privatsphäre und dem (künstlerischen) Drang nach Öffentlichkeit. Es geht quasi ein Riss durch einen selber und man steht auf beiden Seiten. Wie seht ihr das?

 


Selbstbildnisse haben in der Malerei, Bildhauerei und Fotografie eine lange Tradition. Rembrandt ist dafür bekannt, dass er unzählige Selbstportraits malte. Dabei zeigt er sich in grundverschiedenen Positionen. Auch die Mimik und Körpersprache variiert von Bild zu Bild. Mit dem Smartphone ist das Selbstbildnis als „Selfie“ zum allgegenwärtigen Massenphänomen geworden, mit dem man sich zeigen und beeindrucken will. Doch was unterscheidet das künstlerische Selbstportrait von den Selfies auf unseren Handys?

Der bekannte Fotograf und Workshopleiter Kay von Aspern (ein Selfie von ihm links) empfing uns sechs Teilnehmer im Foyer des Hundertwasser Museums. Er vermittelte uns, dass wir in den kommenden sechs Stunden eigene Selbstbilder künstlerisch auf der Straße inszenieren werden. Die „Selfies“ sollten mehr beinhalten, als das bloße Abbild unser selbst. Emotionen und Stimmungen können ebenso visuell zum Ausdruck gebracht werden wie gesellschaftskritische Statements. Wir sollen uns auf ein Spiel mit der Selbstdarstellung einlassen und Botschaften senden, indem wir die unmittelbare Umgebung geschickt für die Selbstinszenierung nutzen. Humor oder eine Distanz zum eigenen Ich sind dabei hilfreich und erwünscht! 

Selbstportraits im urbanen Raum

Unsere Gruppe ist eine interessante Mischung. Isabelle kommt ursprünglich aus Belgien, Sabine ist aus Karlsruhe, Isa aus der Steiermark, Betty ist eine echte Wienerin, Max stammt aus Luxemburg, Kay aus Hamburg und ich vom Niederrhein. Jeder hat andere fotografische Vorlieben und Erfahrungen, was die Inszenierung angeht. 

 

Beim Gang durch den 3. Wiener Bezirk (Landstraße) rund um das Museum merken wir schnell, worum es geht. Wir schauen, beobachten uns auch gegenseitig und nutzen die urbane Umgebung für erste Versuche. Es ist schön, sich austauschen, Ideen finden und Hilfestellungen zu geben. Kay ist stets an der Seite und motiviert jeden Neues auszuprobieren. Jeder ist enorm kreativ. Bei einer herausgearbeiteten Idee schnappt sich der nahestehende Kollege die Kamera des anderen und fotografiert exakt nach Anleitung des Portraitierten. Das Ergebnis wird am Display diskutiert und man kann schnell Korrekturen vornehmen, bis es gefällt. Es wäre das Sahnehäubchen, wenn wir vielleicht sogar eine eigene Bildsprache entwickeln könnten. Ich habe die wirklich sehr verschiedenen Herangehenswesen der Teilnehmer für euch notiert. 

 


Betty Fischer hat mir richtig imponiert. Sie hat sich bewusst unauffällig gekleidet, um dann mit Mauernischen zu verschmelzen. Sie assimiliert ihren Körper mit Mülleimern oder versteckt sich hinter Schildern oder wehenden Haaren. In einem anderen Bild vermittelt sie ihr Statement zur Privatsphäre durch einen Schriftzug am Boden. Im Netz findet ihr sie unter https://www.das-linsenwerk.at. Ich habe für den heutigen Teaser ihre "Privat" Idee aus meiner Sicht "adaptiert" - Danke Betty!

Isabelle Boutriau platziert sich gern neben Abbildungen anderer Menschen, seien es Schaufensterpuppen oder Poster und tritt mit ihnen in einen „Dialog“. Sie schafft gern abstrakte Landschaften. Sie schaut nach Mustern, Texturen, Farben und Details, um in ihnen das Außergewöhnliche im Alltäglichen zu entdecken. Hier ein paar ihrer Bilder von der Webseite https://isabelleboutriau.wordpress.com ... Bilder vom Workshop von ihr selber habe ich leider nicht. Ich habe mit ihr das Kunst Haus durch ihre Brille-Reflektion geschossen oder das Wien-Werbeplakat mit ihr und dem King-Graffiti inszeniert.

Isa M. Puntigam ist die jüngste in der Runde, sie kommt vom Tanz und bei ihr sind die Selbstbilder alle in Bewegung oder mit einer gewissen Akrobatik versehen. Ihre Webseite https://isampuntigam.wordpress.com ist noch im Aufbau. 

Sabine Scheuble hat Posen von Graffitis imitiert und sich ebengleich daneben ablichten lassen oder sich wagemutig in das Geäst eines Baumen gelegt. ZwinkerZwinker: Der Blick durch das Bierglas und der Spaß auf der Rolltreppe waren auch nett.

Max Doemer war eher von der Architektur inspiriert oder hat Werbe-Elemente mit seinem Konterfei vereint. 

Meine ARTigen Selfies im urbanen Raum

Ich liebe Glas oder Fenster in der Fotografie. Ich spiele oft mit Reflektionen und Spiegelbildern und nutze sie als weitere Dimensionen oder zusätzlichen Ebenen. Ihr findet mein Selbstbildnis als Maestro schwebend, Applaus erheischend über Klaviertasten (haha), durch eine Telefonzelle, im Auto liegend, mehrfach auf Klingelknöpfen, Rückspiegeln oder ganz profan im humorvollen Dialog mit Graffitis.

Making-of Bilder by Kay von Aspern

Bei seiner Fotografie geht es um die veränderte bzw. bewusstere Wahrnehmung der Umgebung. Kay zeigt dir den Weg vom Motivjäger zum Motivsammler. Er vermittelt dir andere Sichtweisen beim Fotografieren und gibt dir Hinweise für die Entwicklung und den Aufbau einer eigenen Bildsprache. Hier kannst du dich über weitere Workshops von ihm informieren.

Diskussion und Feedback-Runde mit Kuratorin Verena Kaspar-Eisert

Der Workshop endete mit Präsentation und Diskussion der entstandenen Arbeiten. Es gab konstruktives Feedback von uns allen, von Kay und von der Kuratorin des Kunst Haus Wien Verena Kaspar-Eisert. Im Anschluss konnten wir noch durch die beindruckende Ausstellung schlendern.

FAZIT: Alles in allem war es wirklich ein tolles Erlebnis. Es war ein sehr kreativer und inspirierender Tag. Ich habe wieder interessante Menschen und Fotografen kennengelernt und einiges für meinen eigenen fotografischen Blick gelernt. Ihr wollt mehr zu Elina Brotherus wissen?


Elina Brotherus „It’s Not Me, It’s a Photograph” - im Kunst Haus Wien

Die 1972 in Helsinki geborene, in Frankreich und Finnland lebende Fotokünstlerin Elina Brotherus zählt aktuell zu den erfolgreichsten VertreterInnen ihrer Generation. Mit Fotoarbeiten und Filmen, in denen sie die Rolle der Fotografin und die des Modells einnimmt, lässt sie uns als Künstlerin, Akteurin oder Statistin an essentiellen Fragen des Lebens teilhaben. Sie begibt sich auf die Suche nach An- und Abwesenheit von Liebe, nach Identität und hinterfragt die Beziehung von Individuum und Raum. 

Elina Brotherus setzt sich auf konsequente und vielfältige Weise mit ihrer eigenen Biografie, dem Landschaftsgenre und der Kunstgeschichte auseinander. Seit über 20 Jahren bewegt sich Brotherus im Spannungsfeld zwischen Fotografin und Modell und entwickelte eine eigene, von Sensibilität, formaler Meisterhaftigkeit und ausgeführtem Perfektionismus geprägte Bildsprache

Klassische Kompositionen und wohldurchdachte Lichtsetzungen kennzeichnen Elina Brotherus fotografische Arbeiten. Sie integriert immer wieder Stilelemente wie Spiegel oder Wasseroberflächen. In der Serie „Artists at Work“ steht sie selbst für zwei Maler als Aktmodell. Die Szenerie hält sie als Fotoarbeit und Video fest, mit der sie die Schöpferin des Bildes bleibt und die beiden Maler selbst zu Statisten werden.

Auch wenn die Kamera ihr ein Display bietet, versteht Brotherus die Beziehung zwischen sich und den Selbstporträts genau spiegelverkehrt zu dem, was man annehmen könnte. Die Kamera ist nicht Mittel zum Zweck, wie ein Tagebuch, sondern sie bietet sich als Objekt, als Kompositionsmittel der Kamera an. "Am Ende geht es immer um den Fotografen, nicht das Model“. Der Titel ist Programm – “It’s Not Me, It’s a Photograph”. Mehr zu Elina Brotherus auf ihrer Webseite.

Mein TiPP: Die Ausstellung im Kunst Haus Wien geht noch bis zum 19.8.2018.